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März 2019


Veto für Carl Millöcker - Der Bettelstudent in Annaberg

Einmal mehr hatte in der langen Geschichte des Annaberger Theaters diese beliebte klassisch-wienerische Operette am 17.März 2019 Premiere. Man fragte sich, warum bei den bekannten und schönen Melodien zu häufig kein Zwischenapplaus zu hören war. Das geübte Publikum mindestens war verunsichert. Regie und Kostüme gingen an Millöckers Intention zu grob vorbei.

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Fotos: Christian Dageförde / BUR-Werbung

Es war ein eklektizistischer Farbenrausch, die sängerischen Leistungen überzeugten nur partiell. Die Erzgebirgsphilharmonie jedoch rettete die unverwechselbaren Melodien und überzeugte unter der Leitung von Kapellmeister Dieter Klug mit Schmiss, feiner Ensembleführung und Gefühl für Mazurka. Carl Millöckers „Bettelstudent“ (UA.1882 in Wien) war sein größter Erfolg und bis heute ein Dauerbrenner auf auf allen deutschsprachigen Bühnen.

Eigentlich gehört diese Wiener Operette zuförderst auf polnische Bretter, denn solch eine Vorlage aus der Hauptstadt der besitzergreifenden Habsburger sollten die sich nicht entgehen lassen. Aber so ist das, wenn ein guter Stoff nicht hinreichend übersetzt wurde, bleibt er am richtigen Ort bis heute quasi unbekannt! Von der Qualität der Gesangstexte, der mitreißenden Musik und des historischen Hintergrunds ist dieses Werk eigentlich eine komische Oper.

Im Fokus steht der Freiheitskampf der Jahrhunderte lang unterdrückten Polen; in diesem Falle ein Aufstand gegen die sächsische Fremdherrschaft unter Friedrich August II., unserem „Starken“, der einst unter Einsatz enormer Bestechungsmittel den polnischen Adel für seine Wahl zum König in Polen gewann, aber deshalb noch lange nicht Anerkennung genoss. Immerhin wurde sein Korpus im Wawel in Krakau beigesetzt, wo auch der „Bettelstudent“ spielt.

Der Charme und Erfolg des Ganzen liegt nun darin, dass bei uns die Sachsen über sich selbst lachen dürfen,wenn sie endlich als Besatzer aus dem Lande fliegen und der deutschsprachige Raum lacht seitdem mit, weil man weiß, dass Sachsen stets auf der falschen Seite stand. Der Trost bestünde nun darin, den immanenten Humor des Meisterstückes durch differenzierte Darstellung, die wunderbaren Liebesduette durch schöne Stimmen erklingen zu lassen, die Typenzeichnung zu genießen und last, but  not least, wie der Wiener heute sagt, den barocken Glanz der Augusteischen Epoche auf die tristen Bretter zu zaubern. Zugegeben, für unser kleines Haus jedes Mal eine ansehnliche Aufgabe.

Unter der Regie von Sabine Sterken, einer wohl Regie erfahrenen Leipzigerin, wurde das 140 Jahre alte Werk nicht nur kräftig durchgebürstet (Dramaturgie Annelen Hasselwander), sondern auch in großen Teilen entstellt. Die sächsischen Offiziere um Oberst Ollendorf (László Varga in der Bass-Version der Rolle) kamen als schräg gezeichnete Karrikaturen auf die Bühne, damit das etwas ungebildete Provinzpublikum ja gleich merken soll, dass gelacht werden muss. Danke!

Varga sang sein Auftrittslied gewohnt kräftig, aber der hier gewohnt Applaus blieb aus; die Zuschauer mussten das erste Mal den Schock über die alberne Verkleidung, wie Flitterumhang und das sächsische Wappen am Hosenlatz-wenn auch verdient, verdauen, - nur noch zu toppen von den Corps-0ffizieren (Jason Lee, Jason-Nandor Tomory, Matthias Stephan Hildebrandt und Juliane Roscher-Zücker) mit Sonnenbrillen`a la Mafia. Da fiel schon die herunter gekommene Aufmachung des Gefängniswärter Enterich (Leander de Marell) gar nicht mehr auf, der einmal mehr in originalem Sächsisch, - elegant beiläufig (Sächsisch kann man nämlich nicht gut laut rufen), die Vorgänge kommentierte.

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Manches kam unten bei den sich überstürzenden Regieeinfällen nicht recht an, braucht doch der Zuschauer eine Sekunde des Verstehens. Also Ollendorf will sich an den verarmten polnischen Adelsdamen mit ihrem National- und Standestolz rächen, weil Laura Nowalska (Madelaine Vogt) nach seinem Kuss auf ihre Schulter ihn mit dem Fächer geohrfeigt hatte.

Zweiter Schock fürs Publikum: Der Auftritt der Gräfinnen Nowalska, Laura und Bronislawa (Anna Bineta Diouf) unter den Fittichen der Mama (Bettina Corthy-Hildebrandt), die stimmlich wenigstens den Kronleuchter zum flackern brachte.  Alle Drei kamen in Knallrot von Kopf bis Zeh, Fitz-Fädel-Kleider leicht anbarockt. Und das von Anfang bis Schluss! Da war der androgyne Diener Onuphrie (Uwe Moule) in seiner phlegmatischen Gelassenheit ein wahres Sahnehäubchen im Höllenritt. (Kostüme: Erika Lust).

Ollendorf-Varga im gewohnten Routine-Schneid zwischen `Kopf ab und Schwamm drüber`, arrangiert er nun die Standes-Hochzeit zwischen Laura und dem Bettelstudenten, der als reicher Fürst Lipitzki ausgegeben wird. „Jung und schön“ soll der aus dem Gefängnis geholte Kandidat sein, damit sich Laura nur ja in den  Falschen verliebt. Beides ist er nicht! Symon (André Riemer a.G.) ist immerhin sympathisch, aber die Ausstattung hat seine Korpulenz noch mit Samt und Pelz verstärkt, sein ergrautes Haupt aber à la nature belassen. Schon erstaunlich, dass sich Laura doch verliebt in Titel und Geld und gar zu oft ihren verkniffenen Gesichtsausdruck zelebrieren muss.

Riemer singt die wunderbaren Couplés (Texte: F.Zell und Richard Genée) von der Polin Reize und die Duette mit sicherem Tenor auch in den Höhen, wenn auch nicht mit durchreißendem Tumbre; die Laura überspielt viele ihrer Parts, dann auch mit lautem Auftrumpfen. Der Komposition gelingt es dennoch auch von unterschiedlichsten Begabungen Schöngesang einzufordern wie im Duett „Ich setz den Fall...“. Das zweite Liebespaar Bronislawa mit ihrem Jan, Sekretär von Symon, (Markus Sandmann) hat den Vorteil, ganz ihrer Verliebtheit zu gehören. Die Diouf schafft das entgegen dem Kostümungeheuer mit  ihrer gehaltvollen Altstimme und hinreißender Natürlichkeit des Spiels. Jan (Sandmann) hält da mit, wenn auch mit manch gewohnten Pressung in der Höhe. Entschädigt wird man bei ihm jedoch von der Wahrung der Würde seiner Rolle als Organisator des Aufstandes gegen die Sachsen.

Umrandet wird das ganze vom kräftig singenden und agil spielenden Chor, verstärkt von Mitgliedern der Freien Chorvereinigung Coruso (Leitung: Jens Olaf Buhrow). Manchmal wäre mehr Regie-Ruhe nötig, z.B. im ersten Bild, wo die Frauen ihre einsitzenden Männer besuchen oder wenn sich die Bühne vom Chor wieder füllt, um das „Geklapper“ der Einsätze zu vermeiden. Die Ausstattung der verschiedenen Gruppen war wieder recht abenteuerlich: Der Adel in Lack und Leder, schwarz-gold, die Herren in schwarzen Pinguin-Fräcken mit gelockten Alonperücken und die Marktfrauen in einer Art Kittelschürzen. Das hätte sonst wo sein können, nur nicht in Krakau!

Dennoch wurde das ganze zusammen gehalten und die Solisten sicher geführt von Kapellmeister Dieter Klug vor der temperamentvoll aufspielenden Erzgebirgs Philharmonie. Die Mazurken waren solche und wurden nicht zum Ländler dekradiert. Dazu tanzte das Extraballett unter Sigrun Kressmann, eingebettet in die Handlung und in einem locker, funktional gestaltetem Bühnenbild (Wolfgang Clausnitzer).

Auch wenn am Ende ein Teil der Zuschauer wieder im Takt der Musik klatschte, fühlte sich ein anderer irritiert, wenn nicht sogar veräppelt von den Kostümen. Ironie und Leichtigkeit ließe sich wohl auch mit Stilsicherheit kombinieren. So hat wohl kaum Millöckers Meisterwerk, sehr wohl aber der Eindruck, den das Ensemble hinterließ, denn zu viele Kostüme forderten ein  klamottiges Spiel !, - ja, es hat der Gesamteindruck unter diesem Tingel-Tangel und Klamauk gelitten. Und das nicht nur diesmal.

Man gestatte ein Nachwort zur vorletzten Inszenierung: Die musikalisch hochwertig interpretierte„Tosca“, eine Oper im Stile des Verismo !, wurde ohne Grund aus dem zeitlichen Zusammenhang um 1900 mit Kostüm und Maske in die zwanziger Jahre versetzt. Unvorteilhafte figürliche Wirkeffekte waren die Folge. Der Fundus ließ grüßen. Beim Maler Cavaradossi wurde ganz auf Kostüm und Maske verzichtet. Dem neuen, jungen Tenor, der in der Rolle und im Haus debütierte und mit schöner Stimme Ausdrucks stark sang, wurde dadurch jede Unterstützung seines heldischen Gestus genommen.

Die „reine Natur“ als Gestalt ist nur dann Bühnen relevant, wenn eine wahre Aphrodite oder ein  Adonis zur Verfügung steht !  Gratulation jeder Theaterleitung so jemanden zu finden! Somit soll betont werden, dass die Ausstattung auf das darstellerische Tun unmittelbar Wirkung zeigt und nicht nur Anhängsel ist, bei dem auch noch gespart werden darf. Die Freiheit der einzelnen Künste und Künstler ist verantwortlich miteinander ins Verhältnis zu setzen; und das bedarf einer feinfühligen Führung.

Eveline Figura

Nächste Vorstellungen: 20.3,, 19.30 Uhr; 24.3., 15 Uhr; 30.3., 19.30 Uhr; 5.4.,19.30 Uhr; 14./22.4., 19 Uhr; 17.5., 19.30 Uhr.
www.winterstein-theater.de , 03733-1407 130.