LESERPOST
ÜBER UNS
IMPRESSUM
WERBEN

Gegründet 1807

www.annaberger.info

Wiedergegründet 2011

    POLITIK   WIRTSCHAFT   KULTUR   LOKALES   HISTORISCHES   STADTFÜHRER    WEIHNACHTEN    GASTRO

 

THEATER ABC

 

 

April 2020

Coronavirus Annaberg-Buchholz

Die „besonders Gefährdeten“

Die Alten, die Rentner, die Senioren, die aus dem Arbeitsprozess Ausgeschiedenen - plötzlich erhalten sie im Gesellschaftsbild der Medien eine Adelung und besondere Zuwendung. Sie gehören offensichtlich zu einer besonders zu schützenden Gruppe, weil das Coronavirus so gar keine Verantwortung zeigt, vor lange gelebtem Sein.

Kein Wunder auch, er ist „blinde Materie“ und herrscht dort, wo Schwächen an Lebenssubstanz, Krankheiten oder Leichtsinnigkeit Angriffsflächen zum Einnisten bieten.

pensionistas


Diese Adelung der alten Generation geht deshalb gegenwärtig schockierend einher mit hohen Sterberaten in fragilen Gesundheitssystemen von Ländern, die einen behüteten Lebensabend runter gespart haben in den Alten- und Pflegeheimen, an den Pflegekräften, in Krankenhäusern, an den Hausärzten und ihren Budgets und auch an  Lagerhaltung von Schutzmasken, Kitteln und Intensivbetten. Da ist Deutschland noch im (sehr hell-) grünen Bereich, viele Kulturnationen in Europa aber inzwischen auf dem Stand von Entwicklungsländern. Die geliebten Reiseländer der agilen Senioren wie Italien, Spanien, Britannien, Frankreich, -von Übersee gar nicht zu reden, müssen zur Verzweiflung der Ärzte und Pfleger inzwischen entscheiden, wen sie noch an die wenigen Beatmungsmaschinen hängen und wer Alter- oder eben Krankheits bedingt „gehen“ muss.

Ganz rechte Ideologien sehen das schon als „natürliche Selektion“ oder Natur gegebenen Zwangsläufigkeit der Pandemie, „die die Rentenkasse entlastet“- nichts da von Ehrfurcht vor dem Alter von Menschen, die in der höheren Altersgruppe  oft zwei Kriege überstehen mussten, Hunger und Elend ertragen haben und den Wideraufbau auf ihre Schultern luden.

Im Osten unseres Landes geschah das neue Leben unter ungleich schwereren Bedingungen mit 78 Mrd. Reichsmark Kriegschuld an die Sowjetunion, Uranbergbau für die Atombombe gegen die Amerikaner und 28 Jahren hinter dem „Eisernen Vorhang“,- Adenauers Preis für die Westbindung und den Marshallplan, ja das „West-Wirtschaftswunder“. Davon haben viele Rentner heute immerhin nach der Wende angepasste, höhere Renten erhalten.

Doch vieles in diesen Biografien ging auf und in die Knochen der heute „beschützenswerten Generation“ und keiner weiß nach Sanierung von Erde und Bergbau, ob die hohen Raten an Tumoren - auch und gerade im Erzgebirge- der hohe Preis sind, den die Geschichte fordert.

Ja, im Vergleich zu den vergangenen Generationen, geht es vielen SeniorInnen, bei weitem nicht allen- heute gut und viele leben ein langes glückliches Leben. Die sogenannte „Alterspyramide“ zeigt das und der aktive Teil der Rentner darf diese Zeit wohl zurecht als die glücklichste ihres Lebens nennen. Viele von ihnen arbeiten noch haupt- und ehrenamtlich, können die Welt erobern mit Reisen, von denen früher nur geträumt wurde oder nicht mal das. In den Pflegeheimen oder mithilfe von Pflegediensten werden Hilfsbedürftige freundlich umsorgt, die Familien entlastet. Nun kommt in diese Idylle diese PANDEMIE und es entwickelt sich langsam, - zu langsam?- das Bewusstsein einer Verantwortung für die SeniorInnen. Zuwendung durch Distanz, Nichtbesuch der Angehörigen in den Heimen.

Und doch entstehen sogenannte „Hotspots“ auch bei uns. Zu viele Hausärzte, Pfleger, Nothelfer gehen dort ein und aus und bergen die Gefahr der Ansteckung? Das hohe Alter, Vorerkrankungen, Demenz haben ihre immanente Gefahr des Nichtverstehens oder Vergessens von Vorsichtsmaßregeln. Das Bewusstsein, dass alle irgendwann mal „gehen“ müssen, hat doch die andere Seite: Es ist die Mutter- Großmutter, der Vater-Großvater, die unwiederbringliche Erinnerungen der Familien mitnehmen. Wertvoll Erlebtes geht dahin. So berichtete meine Großmutter (geb.1894) wie ein Todesmarsch von KZ-Häftlingen 1945 durch Annaberg ihr sonst so unpolitisches Leben erschreckte. Das fiel mir wieder ein als ich an der Straße 101 den Gedenkstein dazu fand und verwundert die lieblose Bepflanzung sah. Auch der Alte Friedhof, wo meine Großeltern und Urgroßeltern begraben liegen, heute sollte er Stadtpark sein, frustriert durch Ungepflegtheit, Glassplitter, Kronkorken und Schmierereien an den letzten Grabmalen. Und der sowjetische Friedhof mit hunderten Kriegstoten bekommt nur am 8.Mai. e i n e n Alpenveilchenstock.

Das Pesttor am Alten Friedhof hat eine Gedenktafel für die noch schlimmeren Epidemien und Pandemien der langen Vergangenheit und gedenkt auch dem „Pestpfarrer von Annaberg“, der sein Leben einsetzte, um zu helfen und zu trösten. Erwähnt werden dabei noch nicht die Ärzte und deren Helferinnen, die das damals mit dem Leben bezahlten. Das zumindest hat sich heute geändert; man kann  im Fernsehen, im Internet verfolgen wie überlastete Mediziner, ausgepowerte Schwester in Italien, Spanien und andernorts an ihre Grenzen gehen und auch heute noch sterben einige daran. Unsere Medizin kann heute viel, zaubern kann sie nicht. Überall, wo am Geldrad gedreht wurde, bezahlt es die „besonders schützenswerte Generation“ wieder zuerst und dann die, die ihnen unmittelbar beistehen.

An dieser bescheidenen Stelle sei allen im Ausnahmezustand Tätigen: Schwester, Ärzte, Altenpflegern, freie Pflegekräfte und die in den Notdiensten, die in die Wohnungen gehen, aber auch Verkäufer in den Märkten, Fahrern und Lebensmittelproduzenten, den Polizisten und Ordnungskräften, Feuerwehrleuten und, und, und - von Herzen gedankt sein. Vergessen wir nicht nach der Krise, wenn uns wieder der Lebensübermut packt, an deren Tarifverträge und Arbeitsbedingungen fordernd Anteil zu nehmen, auch wenn viele andere mit Einschränkungen auch noch eine Zeit lang zu kämpfen haben werden. Denn über kurz oder länger schließlich, gehören- wenn wir Glück haben -  wir a l l e  zu den „besonders zu schützenden Alten“.

Eveline Schicker 

Abb.:
Pixabay/Pavlofox