|
Februar 2026
„Mein Freund Bunbury“ am Theater Annaberg
Sprühende Auferstehung einer Musical-Legende von Gerd Natschinski
Die Premiere „Mein Freund Bunbury“, das erste DDR-Musical und bekannteste der Musical-Produktionen von Gerd Natschinski, war ein Selbstläufer. Sowohl Titel als auch die vielen Hits sind noch in guter Erinnerung und nun mit Gundula Natschinski als Lady Bracknell und dem Dirigat von Sohn Lukas Natschinski authentisch auf der Annaberger Bühne. Der „Bunbury“ (UA 1964) wurde einst rauf und runter auf allen Bühnen der DDR und auch im Ausland aufgeführt. Natschinski war durch viele Produktionen, Operetten, Filmmusiken, Lieder, Schlager bereits bekannt und „in aller Munde“. Dabei hatte das als ´erstes Musical der DDR´ vom Sujet her so gar nichts mit der damaligen Realität zu tun und verstieß sogar gegen damaliger Prüderien.
 |
Fotos: Dirk Rückschloß/Theater Annaberg
Bunbury, Synonym für eine erdachtes Alibi der Männerwelt im Victorianischen England, um in die Music-Hall zu gehen und sich dort mit den Showgirls zu verlustieren, die eigentlich dann doch aus besserem Hause sind. Keine und keiner ist das, was er scheint; der Adel nicht reich und der Butler am Ende der vielfache Spielmacher. Der Star des Abend ist aber Gerd Natschinskis Musik, basierend auf dem Libretto von Helmut Bez und Jürgen Degenhardt, dessen freche Texte auch den Gesangsnummern Pep geben. Die literarische Vorlage ist von Oscar Wilde, der im Victorianischen England, selbst Opfer brutaler Verfolgung von Homosexualität wurde und daran mit 46 letztlich starb. (Überhaupt ist gerade am Annaberger Theater einen Vorliebe für Werke dieser Zeit zu bemerken, denn eben hatte „Stolz und Vorurteil“, eine eigenwillige Variation von Jane Austens Roman in nur weiblichen Besetzungen, Premiere, und am 18. April 2026 folgt eine moderne Oper mit Wildes „Dorian Gray“ als Vorlage.)
Vor der Premiere von „Mein Freund Bunbury“ am 7. Februar 2026, fand eine der üblichen Presseeinführungen statt, die eher selten erwähnenswerte Erkenntnisse generieren, aber hier die Witwe und Rechtsnachfolgerin von Gerd Natschinski, Gundula Natschinski vorgestellt werden durfte, die, nach 30 Jahren Bühnen-Pause, die Rolle der Lady Bracknell übernimmt und mit Herz und Verstand das Werk ihres Mannes promotete, der einer der letzten Intendanten des legendären Metropol-Theaters Berlin war und sie dort ihre Karriere als Musicaldarstellerin begann. An ihrer Seite und am Dirigentenpult in Annaberg-Buchholz, der gemeinsame Sohn Lukas, ausgebildeter und prämierter Jazzer. Dadurch und unter Einsatz von Dramaturgie (Lür Jaenike) und dem kreativen Regisseur Oliver Pauli wurde im Stück manches umgestellt, anderes gekürzt und die Abläufe stringenter, ja spritziger, -heutiger- aufbereitet. Dennoch ist Natschinskis Musik, Instrumentalisierung und Arrangements, unverkennbar theatergängig und mitreißend geblieben. Viele seiner Werke harren einer Neuentdeckung in einer Welt amerikanisierter Musikschablonen.
Dem Publikum wird ein sich im Detail wandelndes und multispektakelndes Bühnenbild (Ausstattung: Martin Scherm) präsentiert. Mal ist es ein edelverglaster Bahnhof mit Bergen von Koffern, die unmerklich zur Showtreppe mutieren, um plötzlich Salon und Vorraum der verarmten Lady Bracknell (Gundula Natschinski) zu sein. Die sucht den distinguierten und möglichst vermögenden Schwiegersohn. Ihre Tochter Gwendolin (a.G.: Magadalena Hallste (S/A) verliebt sich klang und wortreich in Jack (Wincent Wilke), der in Spiel und mit baritonaler Stimme überzeugte, aber nicht mit Besitz für den verarmte Adel gelten darf. Der hat aber ein überaus süßes Mündel Cecily (Zsófia Szabó) mit einer überzeugenden Erbschaft bei Mündigkeit. Die aber, wie er auch offiziell Soldaten bei der Heilsarmee, tanzt und singt als Sinshine Girl in der Musik-Hall und verdreht allen Männern und dem Publikum den Kopf, in einem Trikot a la Monroe und einer Traumfigur!
 |
Die Szabó singt dazu noch mit ihrer metallischen Stimme und tanzt quicksteppend mit Spaß an der Freud in die Arme von Algernon (Richard Glöckner), der Sunnyboy, der sich ständig mit seinem erkrankten „Freund Bunbury“ herausredet und am Ende so tut als sei er es selber. Glöckner, tenoraler Gegenpart zu seinem Freund Algernon, kreiert mit diesem Stepptanz (Co-Choreographie: Bridgette Brothers) und wirbelt über die Szene und mit dem Corps de Ballet durch die mitreißenden Schlager wie „Mein Freund Bunbury ist ein Werk der Phantasie“, „Picadilly, Picadilly...“, „Black Bottom“, „Sunshinegirl, Sunshinebaby“, „So war das damals in Soho“ oder „Nachts da schleichen ein paar Leichen“ u.a. In letzterem brilliert Gundula Natschinski als frech Rothaarige krimischriftstellernde Lady, die ja irgendwie Geld verdienen muss und die Werke des zukünftigen Schwiegersohns aufpeppt. Sie spielt sich da eher in die Liga der jungen Leute, singt die Chansons klangvoll und agil. Und auch wenn sie nicht den Sound der Gisela May von der Schallplatte erreicht, hat sie doch noch genügend Bühnenpräsenz mitten in dem Schwarz gekleideten Gästekreis der verstaubten Adelswelt, die, alle düster und skurril bewegt.
 |
Moritz Gogg, Intendant, Lur Jaenike, Dramaturg, Lukas Natschinski am Pult, Gundula Natschinski, Lady Bracknell, Oliver Pauli, Regisseur. Foto: E. Figura
Herausragend aus diesen Bettina Grothkopf als Lady Greenham und sympathische Suppenköchin Prism und László Varga als dicker Lord Ipswich, der mit dem Song „Gluck, gluck, ein guter Schluck ist das Beste für den Mann“ umfallend bassiv und Heilsarmeeofficer überzeugend. Ohne Chor, alle Darsteller in den kleineren Rollen sowie die Damen des Corps de Ballet wäre das Musical natürlich nicht „rund“ und ist durch und die Musik, dirigiert vom Sohn jung und frisch. Kompliment an die Musiker der ErzgebirgsPhilharmonie Aue, die gerade auch die leichte Muse exzellent beherrschen, Streicher wie Bläser und die Künstler an der „Schießbude“.
Aber einer war wieder die Pointe: KS Leander de Marel, gar keine ´Schießbudenfigur´ als „doppelter Butler“, Charakterdarsteller mit Verdrängungseffekt und am Ende der wirkliche Bunbury, der „seit meiner Kinderheit“ bunburysierte. „Mein Freund Bunbury“, das Musical, ist ein Evergreen-Knallbonbon auf jeder Bühne, wie man hörte demnächst bei den Landesbühnen Sachsen, Radebeul. Fürs Publikum hier und dort und hoffentlich weitere Natschinski-Werke auf vielen Bühnen mit Wiedererkennung und frischer Freude auf den Brettern, die die Welt bedeuten´.
Eveline Figura
Weitere Vorstellungen, Details zur Inszenierung und Tickets
|